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Die Erforschung der Ursachen und Bedingungen für die Entstehung von Allergien hat einen hohen Stellenwert, um wirkungsvolle Maßnahmen zur Bekämpfung der weiter steigenden Allergiehäufigkeit ergreifen zu können. Dieses Kapitel beschäftigt sich mit dem Zusammenwirken von Anlage- und Umweltfaktoren bei der Entstehung einer Allergie.
Es drängt sich die Frage auf, warum der Körper sich mit einer überschießenden
Reaktion auf Allergene selbst schadet und wodurch eine ausgewogene Regulation
des Abwehrsystems aus den Fugen gerät. Immer mehr wird klar, dass nicht nur
nach schädigenden Faktoren, sondern auch verstärkt nach Schutzfaktoren,
die das Abwehrsystem im Gleichgewicht halten, gefahndet werden muss. Nach heutigem
Kenntnisstand müssen für die Entstehung einer Allergie eine ganze Reihe
von Ursachen verantwortlich gemacht werden. Neben der anlagebedingten Bereitschaft,
allergisch zu reagieren, begünstigen verschiedene Faktoren in der Umwelt
und der Lebensweise des Menschen die Entstehung einer Allergie.
Tabelle
2-1 zeigt für die Allergieentstehung wichtige Faktoren im Überblick.
Tabelle 2-1: Faktoren, die an der Entstehung einer Allergie beteiligt sind
|
Allergische Erkrankungen treten familiär gehäuft auf. Das Risiko
eines Neugeborenen, an einer Allergie zu erkranken, hängt stark von der Allergiebelastung
in seiner Familie ab (siehe
Abbildung 2-1). Die familiäre Allergiebelastung ist bisher
der zuverlässigste prognostische Faktor für das Allergierisiko des Kindes.
Kennzeichen vieler allergischer Erkrankungen ist ein erhöhter Immunglobulin E (IgE)-Spiegel im Blut. Neugeborene mit einem erhöhten IgE-Spiegel im Nabelschnurblut haben eine höhere Wahrscheinlichkeit, eine atopische Erkrankung zu entwickeln. Eine zuverlässige Voraussage des Allergierisikos eines einzelnen Kindes ist damit jedoch nicht möglich. Für den IgE-Spiegel besteht bei Familienangehörigen eine gewisse Übereinstimmung, besonders bei Zwillingen. Diese Übereinstimmung liegt jedoch auch bei eineiigen Zwillingen nicht über 50%. Es ist auch nicht vorstellbar, dass sich unser Erbgut in den letzten Jahrzehnten so stark verändert hat, dass damit allein die Zunahme der Allergiehäufigkeit zu erklären wäre. Neben der vererbten Veranlagung müssen also noch weitere Auslösefaktoren an der Entstehung einer Allergie beteiligt sein. Die Forschung arbeitet mit Hochdruck daran, Veränderungen im Erbgut verschiedenen allergischen Erkrankungen zuzuordnen. Man könnte dann Risikokinder früh erkennen, bei diesen eine intensive Allergievorbeugung betreiben, möglicherweise den Ausbruch einer Allergie verhindern oder später vielleicht sogar gezielter behandeln. Für den medizinischen Alltag verwendbare Ergebnisse liegen bisher allerdings noch nicht vor. Die meisten Allergien werden offenbar nicht nur durch ein Gen, sondern durch die Kombination von mehreren Genen vererbt.
In den letzten Jahren wurde natürlich auch geforscht, ob unsere Lebensbedingungen
in einer komplexen Industriegesellschaft etwas mit der Zunahme der Allergiehäufigkeit
zu tun haben könnten.
Tabelle 2-2 gibt eine Überblick über die diskutierten Faktoren.
Stoffe aus der Umwelt können entweder als Allergene selbst allergieauslösend
wirken (z.B. Tiere), als adjuvante Faktoren die Allergieauslösung fördern
(z.B. Tabakrauch, Dieselruß) oder als Triggerfaktoren die Reaktion des Organismus
auf einen Allergieauslöser verstärken (z.B. Infektion, Umweltschadstoffe).
Tabelle 2-2: Umweltfaktoren, welche die Allergiehäufigkeit beeinflussen können
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Veränderte Bau- und Wohnverhältnisse erhöhen die Allergenkonzentration in unseren Häusern. Energiesparmaßnahmen haben zum Bau von dicht abgeschlossenen Gebäuden mit geringen Luftwechselraten geführt. Dadurch steigt zum einen die Luftfeuchtigkeit, was das Milben- und Schimmelpilzwachstum fördert, zum anderen auch die Luftschadstoffkonzentration in Innenräumen an. Die Haustierhaltung hat deutlich zugenommen, Tiere werden nicht mehr draußen, sondern in der Wohnung gehalten. Dies erhöht die Konzentration von Tierallergenen sowohl im Haus als auch beispielsweise in Schulen und Kindergärten, denn die Kinder transportieren die Allergene auf ihrer Kleidung weiter. Momentan wird jedoch kontrovers diskutiert, inwieweit Haustiere und mit der Tierhaltung einhergehende Bakterien auch vor Allergien schützen könnten. Früh blühende Bäume blühen immer früher im Jahr und tendenziell steigen die Pollenmengen an. Die Beobachtung, dass Allergien in sozial besser gestellten Familien besonders häufig sind, hängt wohl hauptsächlich mit diesen und anderen Faktoren des westlichen Lebensstils zusammen.
Wir sind heute auch mehr und unterschiedlicheren Allergieauslösern ausgesetzt als die Menschen früher. Von der Industrie wird jedes Jahr eine große Zahl neuartiger chemischer Substanzen in Umlauf gebracht, mit denen der Mensch bisher nicht in Kontakt getreten ist. Mit neuen Kosmetika werden diese Stoffe auf die Haut aufgetragen oder im Falle von Nahrungsmittelzusatzstoffen dem Magendarmtrakt zugeführt. Auch das erweiterte Nahrungsmittelangebot, beispielsweise mit unserer Vorliebe für exotische Früchte wie Kiwi oder Mango, hat das Allergenangebot vermehrt. Auch gentechnisch veränderte Nahrungsmittel können potentiell zu einem erhöhten Allergierisiko führen, vor allem wenn Gene von einer Pflanzenart auf eine andere übertragen werden. Auf jeden Fall ist hier eine strenge und vollständige Deklaration zu fordern.
Allergische Personen haben ein besonders hohes Risiko, auf viele Begleitprodukte unserer komplexen Industriegesellschaft zu reagieren. Es ist hier nicht möglich, alle potentiellen Schadstoffe zu besprechen, zumal von vielen Stoffen die Langzeitwirkungen überhaupt noch nicht erfasst sind. Exemplarisch soll jedoch auf einige Luftschadstoffe, welche Auswirkungen auf die Atemwege haben können, eingegangen werden. Unterschieden werden muss zwischen der Schadstoffbelastung im Haus, welche viel leichter von jedem Betroffenen reduziert werden kann und der Schadstoffbelastung in der Außenluft, welche vom Einzelnen kaum oder nur schwer zu beeinflussen ist. Wahrscheinlich wirken eine Vielzahl von Umweltschadstoffen synergistisch. Dies bedeutet, dass ein Umweltgift allein keine fassbare Wirkung zeigt, jedoch die Einwirkung mehrerer unterschiedlicher Substanzen mit verschiedenen Schädigungsmechanismen zur Krankheit führt.
1) Schadstoffe im Haus
Die hauptsächlichen Schadstoffe und Reizstoffe im Haus sind Tabakrauch (gleichgültig ob durch Aktiv- oder Passivrauchen eingeatmet), Formaldehyd und Emissionen aus der Verbrennung in Holz- oder Gasöfen.
2) Schadstoffe in der Außenluft
Man war zunächst sehr erstaunt, als vergleichende Untersuchungen gezeigt hatten, dass die Allergiehäufigkeit in der ehemaligen DDR mit ihrem hohen Luftverschmutzungsgrad nicht größer sondern kleiner war im Vergleich zu den alten Bundesländern. Nachdem sich der Lebensstil zwischen Ost und West immer mehr annähert, steigt allerdings auch die Allergiehäufigkeit im Osten langsam auf das Westniveau an. Eine Erklärungsmöglichkeit sind die unterschiedlichen Wohnbedingungen in Ost und West mit älteren Gebäuden im Osten. Das bedeutet höhere Luftwechselraten und in der Folge weniger Innenraumallergene im Osten. Weiterhin weiß man inzwischen, dass man zwischen verschiedenen Formen der Luftverschmutzung unterscheiden muss. Viele Menschen zeigen bei Exposition überhaupt keine Symptome, manche werden krank.
Zusammenfassend ist zu folgern, dass viele Luftschadstoffe eindeutig einen schädlichen Einfluss auf die Atemwege ausüben und die Allergieentstehung fördern können. Es muss daher alles getan werden, den Luftschadstoffgehalt in unserer Luft im Haus und außerhalb des Hauses weiter zu reduzieren. Als alleinige Erklärung für die steigende Allergierate reichen die Luftschadstoffe allerdings nicht aus.
a) Schwangerschaft und Geburt
Neugeborene, deren Mütter in der Schwangerschaft geraucht
haben, haben höher IgE-Werte und ein höheres Risiko einer atopischen
Erkrankung (insbesondere Neurodermitis). Komplikationen bei der Geburt,
die Mutter oder das Kind betreffend, erhöhen die spätere Asthmahäufigkeit.
Frühgeborene haben ebenfalls häufiger Asthma als zum
normalen Termin geborene Kinder. Ein früher und intensiver Allergenkontakt
beeinflusst das Atopierisiko. Daher kann auch die Jahreszeit, zu der das Kind
geboren wird, einen Einfluss auf die Entstehung einer Allergie haben. In Skandinavien
hatten Kinder, die zwischen Februar und April geboren wurden, ein höheres
Risiko für eine Birkenpollenallergie. In England hatten im Spätsommer
geborene Kinder eine höhere Asthmarate. Die Bedeutung von Umgebungsfaktoren
unterstreicht auch folgende Beobachtung: In England lebende afrikanische Kinder
wiesen eine höhere Asthmarate auf, wenn sie in Großbritannien geboren
worden waren, im Vergleich zu afrikanischen Kindern, die erst später nach
England kamen. Offenbar besteht im frühen Säuglingsalter eine besonders
kritische Periode, in der Sensibilisierungen besonders leicht entstehen können.
b) Nachgeburtliche Faktoren
Frühes Zufüttern von Kuhmilch und Beikost erhöht
das Allergierisiko. Ausschließliches Stillen über
vier bis sechs Monate hat einen schützenden Effekt. Die Auslösung einer
Nahrungsmittelallergie über die Muttermilch ist jedoch in seltenen
Fällen möglich, so dass ein übermäßiger Genuss von Kuhmilch
und Hühnereiweiß durch die stillende Mutter bei allergiegefährdete
Kindern nicht zu empfehlen ist. Kinder, die in jungem Alter in Allgemeinnarkose
operiert oder aus anderen Gründen im Krankenhaus oder mit Antibiotika behandelt
werden mussten, hatten ebenfalls eine höhere Allergierate. Eine besonders
hohe Konzentration von Allergenen in der Wohnung wie Hausstaubmilben
und Schimmelpilze begünstigen eine Sensibilisierung.
Virusinfektionen sind ein häufiger Auslöser von Asthmaepisoden bei Menschen mit überempfindlichem Bronchialsystem. Obstruktive Bronchitiden im Säuglingsalter sind fast immer infektausgelöst. Möglicherweise können bestimmte Viren auch über eine Erhöhung der Durchlässigkeit der Schleimhäute der Atemwege die Entstehung von Allergien begünstigen. Andrerseits haben Virusinfektionen in der frühen Kindheit auch einen vor Allergien schützenden Effekt (siehe unten). Einige Hobbies sind mit einer besonderen Allergenexposition verbunden, z.B. mit einem engen und intensiven Kontakt mit Tieren. Für Allergiker sind Hobbies und Berufe, die mit extremen Temperaturen, hoher Feuchtigkeit, Kontakt mit Schimmelpilzen, Enzymen oder aggressiven Chemikalien oder Gerüchen verbunden sind, ungeeignet.
Die Hinweise verdichten sich, dass unser westlicher Lebensstil mit einer deutlich reduzierten Auseinandersetzung mit verschiedensten Viren, Bakterien, Parasiten und Endotoxinen (Giften aus der Zellwand von Bakterien), verminderter Familiengröße und Aufwachsen außerhalb von Bauernhöfen die Hauptursache der ansteigenden Allergie- und Asthmahäufigkeit ist. Beispielsweise stieg die Allergie- und Asthmarate in den neuen Bundesländern mit den veränderten Lebensbedingungen nach der Wende auf Westniveau an. Ein Zusammenhang zwischen Impfungen und einer erhöhten Allergierate besteht nicht! Gestützt wird die Hygienehypothese auch durch neue Untersuchungen an Bauernkindern aus Bayern und Österreich: Bauernkinder, deren Mütter schon in der Schwangerschaft regelmäßig im Stall gewesen waren und nach der Geburt von der Mutter regelmäßig mit in den Stall genommen wurden, hatten eine deutlich niedrigere Allergie- und Asthmarate. Eine gesicherte Erklärung gibt es für dieses Phänomen bisher nicht, der frühe Kontakt mit Tierallergenen allein ist es jedoch offenbar nicht, der diese schützende Wirkung hervorruft. Möglicherweise sind es Bakteriengifte aus dem Stall, welche das Immunsystem in eine positive, vor Allergien schützende Richtung bewegen. Auch Kinder aus anthroposophischen Familien haben weniger Allergien. Die Gründe hierfür sind unkklar.
Ebenso aufregend sind die Ergebnisse erster Studien, bei denen in allergiebelasteten Familien den schwangeren Müttern sowie den Kindern nach der Geburt für 6 Monate bestimmte Milchsäurebakterien (Lactobacillus GG) verabreicht wurden. In der so behandelten Gruppe hatten die Kinder im Alter von 2 Jahren deutlich weniger atopische Erkrankungen. Der Ausgangspunkt dieser Untersuchungen war die Beobachtung, dass die Darmflora von Kindern aus einem hoch entwickelten Land (Schweden) sich deutlich von der Darmflora von Kindern aus einem weniger entwickelten Land (Estland) unterschied. Auch hatten nicht allergische Kinder aus Schweden und Estland im Alter von 2 Jahren mehr Lactobacillen und Bifidusbakterien im Darm als die allergischen, bei denen sich mehr Colibakterien fanden. Möglicherweise kann man durch sogenannte Probiotika (= Darmbakterien, welche die Darmflora günstig beeinflussen) über das Immunsystem des Darmes einen vor Allergien schützenden Effekt erreichen.
Anlage- und Umweltfaktoren wirken bei der Allergieentstehung zusammen.
Das Risiko eines Kindes, an einer Allergie zu erkranken, hängt stark von der Allergiebelastung in seiner Familie ab. Es wird fieberhaft nach Allergie- und Asthmagenen geforscht. Da Allergien und Asthma jedoch offenbar über die Kombination verschiedener Gene vererbt werden, stehen im medizinischen Alltag verwertbare Ergebnisse allerdings noch aus.
Folgende Umweltfaktoren (sogenannter westlicher Lebensstil) können das Allergierisiko erhöhen: Früher und intensiver Kontakt mit mehr und unterschiedlicheren Allergieauslösern als früher, frühes Zufüttern, Tabakrauchexposition, hohe Luftschadstoffkonzentration des westlichen Typs und nach heutigem Wissen vor allem eine mangelnde Stimulation des Immunsystems durch Parasiten und andere Infektionserreger. Es gibt keine Hinweise dafür, dass Impfungen die Allergierate erhöhen!
Schützende Faktoren sind Stillen, bäuerlicher Lebensstil (mit Stallkontakt) sowie anthroposophischer Lebensstil (Gründe unklar). Ein vielversprechender Ansatz zur Allergievorbeugung, der jedoch noch weiter abgesichert werden muss, ist die Veränderung der Darmflora durch probiotische Bakterien.
Das Wissen um eine allergische Veranlagung darf daher nicht zur Resignation führen ("Da kann ich ja doch nichts machen!"). Im Gegenteil, beeinflussbaren Faktoren in der häuslichen Umgebung und übrigen Umwelt muss besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden, um durch sinnvolle vorbeugende Maßnahmen das Risiko einer Allergieentstehung oder Allergieausweitung zu senken.